Zahlen, Zahlen, Zahlen

Ich hätte mir eigentlich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, um mit meinem Praktikum zu beginnen. Als Partnerorganisation des United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) muss KrimSOS natürlich in regelmäßigen Abständen Bericht erstatten und erhält auch einen Kontrollbesuch. Und ich kam genau in einer solchen Berichtswoche in Lviv an. Die Aufregung meiner Kolleg*innen war groß und steckte mich schnell an und meine erste Aufgabe war beim Erstellen der Berichte zu helfen. Das hat mir ein ersten Überblick über die Arbeit von KrimSOS verschafft, aber auch verdeutlicht, dass es einen großen Unterschied macht, ab man abstrakt über Geflüchtete aus der Ostukraine und der Krim hört ode man mit den konkreten Zahlen konfrontiert wird. 

Dank einer relativ breiten Berichterstattung zum Ukrainekonflikt ist vielen das Problem von Binnengeflüchteten (internally displaced people/IDPs) bewusst, der Umfang jedoch weniger. Allein in der Region Lviv leben rund 12.000 IDPs, mit rund ein drittel Krim-Tatar*innen sowie Geflüchteten aus der Region Donetsk und Luhansk. In der gesamten Ukraine sind ca. 1,5 Millionen Menschen binnenvertrieben, viele internationale Hilfsorganisationen vermuten, dass die eigentliche Zahl höher ist. Diese Menschen sind mit einem Neuanfang in einer fremden Stadt konfrontiert, mit Job- und Wohnungssuche und dem Einfinden in ein neues soziales Umfeld; und das in einem Land, in dem die Familie und Verwandte zentrale soziale Funktionen übernehmen. Hinzu kommt, dass das ukrainische Meldegesetz noch immer auf dem System der Propiska beruht, was zur Folge hat, dass es sehr schwer und teuer ist, seinen Aufenthaltsort in der Ukraine zu wechseln. Die Propiska regelt den Zugang zu Sozialleistungen und gewährt das Recht in einer Region Grundstücke zu erwerben, die Führerscheinprüfung abzulegen und zur Schule zu gehen. Auch wenn die ukrainischen Behörden angesichts der hohen Zahl von Geflüchteten versuchen eine Reform dieses Systems voranzutreiben, so fallen viele durch das soziale Netz.

Soziale Organisationen, die durch die Initiative von Aktivist*innen gegründet worden sind, ersetzen daher die fehlende staatliche Unterstützung, tragen aber auch zur Entwicklung einer Zivilgesellschaft in der Ukraine bei. Die Hilfe, die KrimSOS leistet ist vielfältig: sie bemüht sich um erschwingliche Wohnungen und setzt sich für sozialen Wohnungsbau in der Region ein, sie unterstützt Menschen mit chronischen Erkrankungen finanziell, vermittelt Menschen mit Traumata zu einer psychologischen Beratung, setzt sich dafür ein, dass Renten und Sozialleistungen an IDPs gezahlt werden, unterstützt Geflüchtete bei der Existenzgründung oder beim (Neu)Beginn eines Studiums und unterstützt soziale Einrichtungen in der ganzen Westukraine. Die Probleme sind vielfältig und jede*r Geflüchtete bringt seine*ihre eigenen Probleme mit. Daher ist eins der Hauptinteressen der NGO, dass es zu einer Erleichterung der Regularien bei den Ämtern kommt und das die IDPs selbst über ihre Rechte aufgeklärt werden.

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