Lwiw

Ich bin jetzt ein bisschen über einen Monat in Lwiw und irgendwie habe ich es hinausgezögert über die Stadt und das Leben hier zu schreiben. Dies war vor allem dem Umstand geschuldet, dass mich die Stadt so sehr überraschte und die Menschen wenig dem Klischee entsprechen, das man von Ukrainer*innen hat. Dass die Stadt jeweils einen eigenen Namen in Ukrainisch, Russisch, Polnisch, Jiddisch und Deutsch hat, verdeutlicht die besondere historische Konstellation der Region.

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Das historische Zentrum von Lwiw entstand unter K.u.K.-Herrschaft und ist daher stark durch dessen architektonischen Stil geprägt.

Das Herzstück der Stadt ist das historische Zentrum mit Gebäuden des Barock und der Klassik, die sich um den Rynok Platz gruppieren. Das Leben Lwiws spielt sich in den engen Gassen ab, mit vielen Cafes, Bars und Restaurants; es mischen sich Tourist*innen mit Einheimischen und es gibt viele Straßenkünstler*innen. Nur einige hundert Meter davon entfernt befindet sich der Prospekt Svobody, der dominiert wird durch Wiener Secession, Neo-Renaissance und Art Deco. Hier ist der tägliche Laufsteg der Stadt und zu jeder Gelegenheit versammeln sich hier Menschen um zu flanieren, zu fotografieren oder einfach gesehen zu werden. Überall im Zentrum stehen Statuen polnischer und ukrainischer Schriftsteller*innen und Herrscher, die die Besuchenden an die historische Dimensionen der Stadt erinnern sollen.

Eine andere Welt ist jener Teil von Lwiw, der nach dem Zweiten Weltkrieg entstand:  Sowjetische Schlafstädte, die im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung der Stadt  aus dem Boden gestampft wurden und noch immer der Lebensmittelpunkt der meisten Einheimischen ist. Hier sieht man wenig Tourist*innen und mancherorts fühlt man sich wie in einer Zeitkapsel. Trotzdem findet man auch hier nur wenige, die rückwärts Denken. Überall in der Stadt kann man eine gewisse Aufbruchsstimmung wahrnehmen, die auf eine Integration in die Europäische Union abzielt. An öffentlichen Gebäuden wird die europäische neben der ukrainischen Fahne gehisst und selbst an vielen Autos, Rucksäcken und Fenstern von Privatwohnungen sind beide Fahnen befestigt. Die neuen Nummernschilder ähneln dem europäischen Standard und die Stadt Lwiw setzt alles daran fahrradfreundlich zu werden.

Das Gefühl in einer europäischen Stadt zu sein begleitet einen in Lwiw überall. Nicht nur die offensichtlichen Zeichen der EU-Orientierung, sondern auch die Mentalität vieler Ukrainer*innen, die sich selbst zu Mitteleuropa zählen und wenig mit Osteuropa zutun haben wollen. Dies drückt sich am deutlichsten im Gebrauch der ukrainischen Sprache aus. Lwiw gehört zu jenen Städten, in der Ukrainisch im täglichen Leben vorherrschend ist, selbst russische Muttersprachler*innen benutzen Ukrainisch in Restaurants oder im Supermarkt. Ich als Ausländer habe selten Probleme, wenn ich etwas auf Russisch frage, doch meistens wird mir auf Englisch geantwortet und Russisch verkommt zur „Notlösung“, wenn man keine andere gemeinsame Sprache spricht. Russisch zu sprechen ist in Lwiw mit einem gewissen Stereotyp der „sowjetischen Offizierswitwe“ behaftet und Russischsprechende sind in der Regel bemüht Ukrainisch zu lernen. Für viele Westukrainer*innen ist Russisch schlicht die Sprache der Okkupanten.

Auch wenn in Lwiw nur wenig vom Krieg im Osten des Landes zu spüren ist, so beeinflusst er doch die Wahrnehmung: Soldat*innen sind präsent im Straßenbild und manchmal kann man eine ganze Kolonne durch die Straßen marschieren sehen, wenn sie vom Einsatz kommen oder dorthin müssen. Auch die Akzeptanz für rechte Parteien wie Pravyi Sektor, Svoboda oder Azov, die auf dem Prospekt Svobody ihre Infostände haben, ist für einen Deutschen sehr ungewohnt.

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Blick auf die Altstadt von der ehemaligen Hochburg

Wie oben bereits beschrieben, gehen Ukrainer*innen viel aus. Das Leben spielt sich in den Straßen und Restaurants ab und weniger in den Wohnungen – eine Einladung nach Hause kommt einer Heiligsprechung gleich. Für europäische Tourist*innen sind die Preise mehr als moderat und man kann für 120-150 UAH (4,5-5,5 €) Essen gehen. Was die wenigsten dabei bedenken, ist das enorme Einkommensgefällt. Eine normale ukrainische Rente ist 1500 UAH, ein Stipendium 1000 UAH und das Leben im Zentrum von Lwiw ist nicht repräsentativ für die Ukraine. Nichtsdestotrotz ist gerade hier ein ständig wechselndes Angebot an Restaurants und Cafes, Bars und Clubs. Gerade Studierende der vielen Universitäten in Lwiw oder IT-Spezialist*innen prägen die Szene und es kommt nicht selten vor, dass Menschen einen als Ausländer ausmachen und versuchen Kontakt aufzunehmen. Die Offenheit und die Unvoreingenommenheit der Menschen hier war auch die größte Überraschung.

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