Ein Wochenende in Odesa

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Blick auf den Industriehafen Odesas

Ich habe das lange Wochenende mit dem Ersten Mai genutzt nach Odesa zu fahren. Die Lage Odesas am Schwarzen Meer macht die Stadt gleichzeitig zum touristischen und wirtschaftlichen Zentrum der Ukraine. Hinzu kommt, dass sie nach Kyiw und Charkiw die drittgrößte Stadt des Landes ist. Bei Nichtukrainer*innen dürfte der Stadtname eher Assoziationen mit Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ und dem russischen Schriftsteller Isaac Babel aufkommen lassen.

Das historische Stadtzentrum ist eher klein und hat ein mediterranes Flair, was natürlich durch das warme Wetter begünstigt wird. Das architektonisch beeindruckendste Gebäude ist die im italienischen Barock gehaltene Oper. Einen Steinwurf davon entfernt liegt der Boulevard Primorskij, der als Flaniermeile der Stadt dient und einen wunderbaren Blick auf den Hafen hat, zu dem man über die berühmte Potemkin-Treppe hinabsteigen kann. Leider war der Gang über die Treppe für mich nicht möglich, da die Stadt Odesa mit Unterstützung des Stadt Istanbul die Treppe und die Grünfläche zwischen Boulevard und Hafen umbaut.

In der Innerstadt selbst gibt es viel Cafes und Bars, Restaurants und Imbisse. Die sind teilweise nur auf Tourismus ausgelegt, aber dazwischen kann man auch immer wieder einige Orte finden, die eher ein wenig hipster sind. Gerade auf der Deribasovskaja reiht sich ein Restaurant ans andere, voll mit Tourist*innen aus der ganzen Welt. Auf der nahegelegenen Odesa City Fair kann man leckere internationale Küche genießen.

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Boulevard Primorskij

29. Mai

Der erste Tag war vor allem dem Ankommen und dem Zurechtfinden gewidmet. Schlagartig wird mir der Unterschied zu Lwiw bewusst, nicht nur, dass man sich im sonnigen Süden befindet, auch sind fasst ausnahmslos alle Ladenschilder auf Russisch und die Straßen haben eine zweisprachige Beschriftung. Auch wenn sich die Bevölkerung Odesa zur Ukraine zugehörig fühlt, so steckt im Russischen ein ganzes Stück eigener Stadtidentität. Viele sprechen mit einem jüdischen Akzent, der sich von anderen Mundarten des ukrainischen Russischen unterscheidet. Für mich als Ausländer ist dabei immer wieder spannend zu sehen, wie unterschiedlich sich ukrainische Identitäten konstituieren.

Als Attraktionen habe ich mir die Innenstadt ausgesucht, versuchte die Gassen und Straßen der Altstadt kennenzulernen und ein Gefühl für die alte zaristische Gouverneursstadt zu bekommen. Ein Besuch im Museum für westeuropäische und orientalische Kunst war eine willkommene Abwechslung von der Hektik; mit Gemälden von Frans Hals und Caravaggio sowie einer Sammlung von asiatischer Kunst ist das Museum aus kunsthistorischer Sicht das bedeutendste.

Der Gang auf den Pier mit einem fantastischen Blick auf das Schwarze Meer erweiterte der Blick auf eine andere Seite Odesas. Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist die Hafenstadt wichtiger Industrie- und Kriegsmarinehafen. Davon zeugen auch die unzähligen Denkmäler für Seefahrer und Matrosen, die überall in der Stadt zu finden sind.

30. April

Am Sonntag machte ich mich auf nach Arkadija, was zum einen als historischer Kern des Siedlungswesens in Odesa angesehen wird, aber zum anderen ein für seine Ferienresorts beliebter Stadtteil ist. Der Weg dorthin führt durch einige Bezirke, in die sich selten Tourist*innen verlaufen und wo man dem Lebensgefühl der Bewohner*innen Odesas wahrscheinlich am Stärksten begegnet. Viel große Parks und eine Mischung aus Zwischenkriegs- und Nachkriegsarchitektur, die nur selten in Stand gesetzt wird. Kleine Stände mit Obst und Gemüse, Fleisch oder Käse, mit Backwaren oder Kaffee säumen die Straßen und die Stadt macht einen herzlich romantischen Eindruck.

Arkadija selbst ist Tourismus pur und der einzige Ausblick ist der Weg zum Meer, wo man Schwimmen gehen kann und sich wirklich wie im Urlaub fühlt. Hier sieht man auch die Sonnenseite der Stadt: Menschen fahren Inliner oder mit dem Fahrrad, lassen sich sonnen und essen Eis. Der Grünstreifen am Meer ist nur klein, zieht sich aber einige Kilometer lang bis in die Innenstadt.

Abends war ich dann wieder in der Altstadt, auf der Katerinskaja Straße, die mit vielen Terrassen bei warmen Wetter weniger Barmeile als Laufsteg der Stadt ist. Schönheiten und diejenigen, die es gerne sein wollen, laufen den ganzen Abend auf und ab, während so manch ein anderer etwas zu lange vor einem schicken Auto herumhängt ohne wirklich loszufahren.

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Oper in Odesa

1. Mai

Der Erste Mai ist in vielen postsozialistischen Ländern noch immer ein Feiertag, hat aber seine Bedeutung als Kampftag der Werktätigen eingebüßt und wird nunmehr als Tag des Frühlingsanfangs begangen. Die einzige „Maifeier“ fand vor dem im Mai 2014 bei politischen Auseinandersetzungen ausgebrannten Gewerkschaftshaus statt und es waren nur eine Handvoll, meist älterer, Kommunist*innen, die den Tag begingen.

In der Stadt selbst war eine eher romantische Stimmung, mit vielen Pärchen, die in der Sonne flanierten und Blumensträuße bei sich hatten. Die Familien waren mit ihren Kindern am Strand und ich besuchte das jüdische Museum in Odesa.

Odesa war vor Beginn der Okkupation durch Deutschland die größte jüdische Gemeinte in der Ukraine, mit einem Bevölkerungsanteil von ungefähr 35%. Von der 140.000 Juden und Jüdinnen in Odesa überlebten 600 die Shoah. Das Museum ist nicht nur der jüdischen Geschichte vor und während des Zweiten Weltkriegs gewidmet, sondern gibt auch einen interessanten Einblick in die Geschichte der Nachkriegszeit und des Wiederauflebens des jüdischen religiösen Lebens in Odesa nach 1992.

2. Mai

Am Dienstag schlug die Stimmung in der Stadt schlagartig um. Auch wenn der 2. Mai ebenfalls ein Feiertag war, so war doch deutlich weniger los und anstatt von Touristenmengen war ein enormes Polizeiaufgebot unterwegs. Hintergrund sind die politischen Auseinandersetzungen im Frühjahr 2014, als es in der Stadt zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen pro-russischen und pro-ukrainischen Aktivist*innen kam. Die Situation eskalierte am 2. Mai des Jahres mit Straßenschlachten, bei denen es es auf beiden Seiten Tote durch Schusswaffen gab. Im Laufe des Tages wurde das anti-Maidan Zeltlager vor dem Gewerkschaftsgebäude, auf dem Platz Kulykowe Pole, von pro-ukrainischen Fussballfans angegriffen. Viele Aktivist*innen flüchteten sich in das Gewerkschaftsgebäude, welches Feuer fing. 42 Menschen starben im Gebäude. Während der Ereignisse am 2. Mai 2014 starben 48 Menschen in Odesa, was die Auseinandersetzung zur blutigsten politischen Auseinandersetzung in der Ukraine seit 1918 macht.  Bis heute gab es nur wenig juristische Aufklärung über den Vorfall, der sowohl der pro-russischen, als auch der pro-ukrainischen Seite bis heute zur Mythenbildung dient.

Der Platz Kulykowe Pole war von Polizeiketten umgeben. Wenn man auf den Platz wollte musste man durch eine Polizeikontrolle hindurch und seine Taschen kontrollieren lassen. Viele Menschen strömten dorthin, aus der ganzen Stadt und teilweise auch aus den Umkreis mit Bussen. Vor der Gewerkschaftsgebäude türmte sich ein Berg an Blumen, niedergelegt  von Angehörigen und Menschen aus Odesa. Die Stimmung war dementsprechend sehr bedrückend, vereinzelt gab es Redebeiträge und Bilder mit Verstorbenen wurden aufgestellt.

Doch die Polizeimaßnahmen beschränkten sich nicht nur auf den Platz vor dem Gewerkschaftshaus, auch in der Stadt selbst war eine große Polizeipräsents. Immer wieder sind mir auch größere und kleiner Gruppen von extremen Rechten aufgefallen, die durch die Stadt gelaufen sind. Ob es eine Demonstration rechter Parteien gab, konnte ich jedoch nicht rausfinden.

Erst gegen den späten Nachmittag löste sich die Stimmung in der Stadt wieder und man sah deutlich mehr Leute draußen, die einfach nur die Sonne genoßen und die Straße bevölkerten.

 

 

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