Sprachensituation in der Ukraine

Warum spricht man in Lwiw Ukrainisch und in Charkiw Russisch? Warum findet man in Kyiw in einem Restaurant zwar ein ukrainisches Menü, aber die Kellnerin spricht Russisch? Warum findet man in Odesa zweisprachige Straßenschilder? Die Sprachensituation in der Ukraine ist eine mehr oder weniger komplizierte Angelegenheit. Als ich in die Ukraine kam war mir die generell Teilung des Landes in einen östlichen russischsprechenden Teil und einen westlichen ukrainischsprechenden Teil bewusst. Diese schematische Einteilung wird der komplexen Situation jedoch nicht gerecht.

Zunächst fällt auf, dass es eine Diskrepanz zwischen ethnischer und sprachlicher Identität auf der einen Seite und sprachlicher Identität und Sprachgebrauch auf der anderen Seite gibt. Beim Zensus von 2001 haben rund 17 Prozent der Ukrainier*innen angegeben, dass sie ethnische Russ*innen seien. 30 Prozent der Ukrainer*innen sagten, dass ihre Muttersprache Russisch sei. Auch das, was man als Muttersprache versteht, ist hier nicht notwendig die Sprache, die man im Alltag am häufigsten benutzt: rund 50 Prozent der Bevölkerung benutzt Russisch im Alltag. Gerade in einer Stadt wie Kyiw wird es deutlich, wo 3/4 der Bevölkerung Ukrainisch als ihre Muttersprache angeben, aber trotzdem wird  man überall auf Russisch angesprochen; selbst Ukrainer*innen aus dem Westen fangen häufig an mit Einheimischen auf Russisch zu sprechen.

Der Gebrauch des Russischen durch viele (ethnischen) Ukrainer*innen und der angehöriger von Minderheiten ohne eine kulturelle und sprachliche Identifizierung mit dem Russischen ist ein Relikt der eher ambivalenten Sprachenpolitik der Sowjetunion. Nach dem frühen Versuchen der Stärkung regionaler Sprachen in den Teilrepubliken, fand ab den 1930er Jahren das Russische seine zentrale Rolle in der SU; als inter-ethnische Sprache der Sowjetbürger*innen und als Sprache von sozialer und räumlicher Mobilität. Die Russifizierung sicherte die Vorreiterrolle des Russischen in den Teilrepubliken.

Auch in der Ukraine waren bis zur Unabhängigkeit bestimmte Teile der Gesellschaft exklusiv russischsprechend. Erst mit der Liberalisierung der 1980er Jahre konnte eine Diskurs angestoßen werden, der 1989 in der Verfassung der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik mündete, in der das Ukrainische als einzige Staatssprache anerkannt wurde. Damals wurde zwar von der Nomenklatur noch ein großes Zugeständnis an das Russische als transnationale Sprache der SU gemacht, doch wird diese Sonderstelle erst in der neuen Verfassung von 1996 demontiert. Das Russisch war dann auf den Status einer Minderheitensprache reduziert.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde eine Ukrainisierung des Landes vorangetrieben, die sich vor allem im ukrainischen Unterricht in der Schule und auf der Universität äußert. Es wurden auch Quoten für Ukrainisch in Fernsehen und Radio eingeführt, jedoch bleibt das Russische im Kulturbereich weiterhin wichtig. Mit russischsprachigen Printmedien und Buchveröffentlichungen; Theateraufführungen und Kunstausstellungen. Selbst in der Außenwahrnehmung der Ukraine bleibt das Russische dominant. Während sich im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch die Transliteration von Kyiw aus dem Ukrainischen mehr oder weniger durchgesetzt hat, wird in anderen Sprachen häufig der Stadtname aus der Russischen transliteriert. Das hat dann zu Folge, dass viele diplomatischen Vertretungen in der ukrainischen Hauptstadt den russischen Namen der Stadt benutzen, anstatt des ukrainischen (unter diesen Beispielen auch die deutsche Vertretung).

Eine direkte Diskriminierung des Russischen findet nur in seltenen Fällen statt. Natürlich werden in manchen Universitäten Student*innen dazu angehalten nur Ukrainisch im Unterricht zu sprechen, da dies die Lehrsprache ist. Aber selbst in ukrainischsprechenden Städten wird es akzeptiert, wenn man Russisch spricht; jedoch wird von Ukrainer*innen immer auch erwartet, dass sie zumindest verstehen, wenn dann auf Ukrainisch geantwortet wird.

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